Das Brecht-Denkmal

Sozialismus am Ende

Müde sieht er aus, wie er da auf dem Bertolt-Brecht-Platz auf seiner Bank sitzt, der Theatermacher. Die Lider geschlossen, die Mütze in der Hand, in Arbeiterkluft, erschöpft nach getaner Arbeit. Brecht, ein Heros des Arbeiter- und Bauernstaates?

Das Denkmal, am 10. Februar 1988 zum 90. Geburtstag Brechts vor dem Berliner Ensemble eingeweiht, lässt eher an die „Mühen der Ebenen“ denken. Mit diesen Worten beschrieb der Lyriker 1949 seine Situation nach der Rückkehr aus dem Exil.

Geschaffen hat die Bronzefigur Fritz Cremer, leidenschaftlicher Kommunist und der einzige DDR-Bildhauer, der 1976 die Protesterklärung gegen die Ausbürgerung Wolf Biermann unterzeichnete (um seine Unterschrift dann wieder zurückzuziehen). Cremers Brechtdenkmal im Staatsauftrag bediente zwar das offizielle Bild vom Kulturschaffenden als „geistigem Arbeiter“, doch es steckt es voller Widerhaken.

Könnte der Bronze-Brecht die Augen aufschlagen, sähe er jenseits der Spree den „Tränenpalast“, also ein Stück DDR-Grenzanlage und Bankrotterklärung des Sozialismus. Im flachen Denkmalsockel ist das Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“ eingraviert, aber so, dass man es nur auf dem Sockel stehend lesen kann, also von Brechts Standpunkt aus.

Um die Sitzfigur stehen drei Steinstelen mit Brecht-Zitaten: „Der Künstler hat nicht nur Verantwortung vor der Gesellschaft, er zieht die Gesellschaft zur Verantwortung“ – eine Ohrfeige für DDR-Kulturfunktionäre. „Sage nicht zu oft, Du hast recht Lehrer…“ Und: „Wirklicher Fortschritt ist nicht Fortgeschrittensein, sondern Fortschreiten.“

Das Wort „Sozialismus“ muss man ewig suchen. War nicht die ganze DDR betextet mit Parolen, die den sozialistischen Aufbau feierten?

Endlich wird man hinter Brechts Rücken fündig. Sozialismus, heißt es da, sei als „große Produktion“ zu definieren, als „Befreiung der Produktivität aller von allen Fesseln“. Brechts Utopie – sie  war im unproduktiven Realsozialismus des Jahres 1988 fast unauffindbar geworden. „Das Alte sagt: So wie ich bin, bin ich seit je / das Neue sagt: Bist Du nicht gut, dann geh.“ Warum die DDR keine lange Zukunft mehr hatte, erzählt dieses Denkmal.

Aus: Der Tagesspiegel vom 12. Februar 2023

Michael Bienert
Brechts Berlin. Literarische Schauplätze
200 Seiten, 196 Abb.
Verlag für Berlin und Brandenburg
Berlin 2018, 25 €
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